Auf dem Rücken der Ärmsten

Vor fünf Monaten zog Kuba nach Drohungen seine Ärzte aus Brasilien ab. Die Folgen sind spürbar.

Kaum war der Faschist Jair Bolsonaro im vergangenen November zum Präsidenten Brasiliens gewählt worden, kündigte er die Zusammenarbeit mit Kuba auf. Er werde das Programm »Mais Médicos« (Mehr Ärzte) neu verhandeln, erklärte er und verband das mit verbalen Angriffen auf Kuba und dessen Ärztinnen und Ärzte. Diese sollten zum Beispiel noch einmal Prüfungen ablegen müssen, bevor sie in Brasilien eingesetzt würden.

Im Jahr 2013 hatte die damalige brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff ein Abkommen mit der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (OPS) abgeschlossen, um die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu verbessern. Kuba übernahm die praktische Umsetzung und entsandte mehrere tausend Ärztinnen und Ärzte, die vor allem in den armen und abgelegenen Gebieten des Landes eingesetzt wurden. Das wurde auch nicht abgebrochen, nachdem Rousseff 2016 durch einen parlamentarischen Staatsstreich gestürzt worden war. Doch nach den Attacken Bolsonaros zog Havanna einen Schlussstrich: Am 14. November 2018 teilte das kubanische Gesundheitsministerium der OPS mit, dass man die Beteiligung an »Mais Médicos« aufgrund der »respektlosen und bedrohlichen« Äußerungen Bolsonaros abbrechen müsse. Die meisten der Ärztinnen und Ärzte wurden in den folgenden Tagen nach Hause zurückgeholt.

Mitte Februar verkündete die brasilianische Regierung, dass man die freigewordenen Stellen mit einheimischen Medizinern besetzt habe. Bolsonaro feierte auf Twitter, dass das Gesundheitsministerium »schnell reagiert« habe. Die exakt 8.517 vakanten Plätze seien mit »im Ausland ausgebildeten Ärzten« besetzt worden. Doch ganz so einfach stellt sich die Sache offenkundig nicht dar. Am vergangenen Wochenende berichtete die Nachrichtenagentur AP unter Berufung auf das Gesundheitsministerium, dass mehr als 1.000 brasilianische Ärzte, die für die Kubaner nachgerückt waren, ihre Arbeitsplätze bereits wieder aufgegeben haben.

Innerhalb von drei Monaten hätten sich somit schon 15 Prozent der brasilianischen Ärzte aus dem Programm zurückgezogen, kritisierte der Parlamentsabgeordnete Glauber Braga von der linken Partei Sozialismus und Freiheit (PSOL) am Freitag über Twitter. »Die ärmste Bevölkerung bleibt aufgrund der Rachepolitik der Bolsonaro-Regierung ohne Versorgung.« Sein Kollege Helder Salomao von der Arbeiterpartei (PT) erinnerte daran, dass die Kubaner das Land aufgrund der Beleidigungen Bolsonaros verlassen hätten. Der Staatschef sei der Hauptverantwortliche für die Zerstörung des Programms »Mais Médicos«.

Mehrere hundert Kubaner waren dem Ruf ihrer Regierung zur Rückkehr nicht gefolgt, nachdem Bolsonaro ihnen direkte Arbeitsverträge versprochen hatte. Davon ist inzwischen nicht mehr die Rede. Ende März zitierte die kubanische Tageszeitung Granma eine Ärztin, Yulia Molina Hernández, die seit 2017 in Brasilien tätig war und nicht nach Hause zurückkehren wollte. Nach dem Abbruch des Programms habe die brasilianische Regierung die freigewordenen Stellen ausgeschrieben, »und wir Kubaner konnten uns bewerben. Aber einen Tag, bevor wir aus den zur Verfügung stehenden Stellen wählen sollten, wurde uns dieses Recht entzogen. Uns wurde gesagt, dass wir uns an die Bundespolizei wenden sollten, um Asyl zu beantragen«.

Bereits im Februar hatte die in Florida erscheinende Tageszeitung El Nuevo Herald berichtet, dass sich einige der in Brasilien zurückgebliebenen kubanische Ärzte in einem Schreiben an die US-Administration gewandt hätten. Die brasilianische Regierung biete ihnen keine Arbeitsplätze an, klagten sie. Nun solle Washington einspringen, US-Präsident Donald Trump solle die von dessen Vorgänger Barack Obama ausgesetzte »Cuban Medical Professional Parole« wieder aktivieren. Diese Vorschrift hatte kubanischen Ärztinnen und Ärzten Visa für die USA garantiert, wenn sie sich bei Auslandseinsätzen von ihren Teams absetzen. »Die Lage von uns Ärzten, die sich entschieden haben, in Brasilien zu bleiben, hat sich durch die Realität verdunkelt. Die Mehrzahl von uns ist schutzlos und muss in prekären Umständen durch die Hilfe überleben, die uns von Freunden und vielen derjenigen angeboten wird, die unsere Patienten waren und einmal mehr zeigen, wie dankbar sie uns sind.« Ein Ausweg steht den Medizinerinnen und Medizinern allerdings offen: Die kubanische Regierung hat deutlich gemacht, dass ihrer Rückkehr nichts im Wege steht und sie wieder im kubanischen Gesundheitswesen arbeiten könnten.

Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba

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André Scheer
junge Welt, 10.04.2019