Vor 50 Jahren: Fidel Castros Deutschlandbesuch

Im Sommer 1972 trat Fidel Castro eine Reise durch mehrere Länder an, die ihn auch in die DDR führte. Am 13. Juni landete er auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Nach der Landung soll es folgenden Dialog mit Erich Honecker gegeben haben: "Wir sind am 13. hier angekommen. Das ist ein gutes Datum." - "Ja, am 13. August hast du Geburtstag und am 13. August haben wir dem Imperialismus einen Riegel vorgeschoben."* Als Geschenk brachte Fidel eine Landkarte Kubas mit, auf der eine kleine Insel vor der Schweinebucht, die man umbenannt hatte, als "Ernst-Thälmann-Insel" eingezeichnet war.

Fidel Castro und Erich Honecker Fidel Castro (l.) überreichte Erich Honecker (Mitte) eine Landkarte der Republik Kuba. Sie zeigt eine Insel, die den Namen "Ernst Thälmann" trägt.
Foto: Bundesarchiv_Bild_183-L0619-026 / CC-BY-SA 3.0


Natürlich diente die Reise der Vertiefung der freundschaftlichen Beziehungen beider Länder. Kuba war das erste Land Lateinamerikas, welches die DDR völkerrechtlich anerkannt hatte. In internationalen Gremien forderte Kuba die Mitgliedschaft und Anerkennung des sozialistischen Deutschlands. In den 1970er Jahren befand sich die DDR, nach schwerem Start als Resultat des 2. Weltkrieges, auf dem Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen Entwicklung: Sie hatte den höchsten Lebensstandard im sozialistischen Staatenblock und wurde weltweit zu den führenden Industrieländern gerechnet. Sie lieferte unter anderem Maschinen und ganze Fabrikanlagen nach Kuba, aber auch landwirtschaftliche Güter und Milchpulver. Im Gegenzug schickte Kuba Rohstoffe, Zucker und Südfrüchte.

Die Reise Fidels war geprägt von dem herzlichen Empfang durch die Bevölkerung. Er fühlte sich sehr wohl und durchbrach wiederholt das Protokoll, um den Kontakt und das Gespräch mit Menschen zu suchen. So soll er bei einer Führung durch Dresden spontan an einer Haustür geklingelt haben mit der Bitte an die überraschten Bewohner, einen Blick "hinter die Fassade" werfen zu dürfen. Auf dem Theaterplatz der Stadt feierten ihn 120.000 Menschen. Vorher hatte er bereits ein umfangreiches Begegnungs- und Besuchsprogramm in Berlin und den Leuna-Werken in Halle absolviert. Anschließend besuchte er noch den Norden unter anderem Warnemünde und die Hafenstadt Rostock. Der Wohnungsneubau imponierte ihm besonders: "Gestern besuchten wir Halle-Neustadt und sahen, was dort errichtet wird. Wir haben das sogar mit Informationen über kapitalistische Städte verglichen. (...) Keine kapitalistische Stadt baut und lässt freien Raum für Grünflächen. Im Kapitalismus wird mit jedem Quadratmeter Boden gehandelt. (...) In keiner kapitalistischen Stadt werden zusammen mit den Wohnungen Erholungsplätze, Kindergärten, Grundschulen, technische Institute und Kulturzentren erbaut. In keiner Stadt wächst eine solche Jugend, wachsen die Kinder so auf wie hier und wie wir sie überall in der DDR gesehen haben. Daher können wir uns natürlich vorstellen, wie die DDR in 25 Jahren aussehen wird."
Fidel Castro vor dem Brandenburger Tor Fidel Castro vor dem Brandenburger Tor
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-L0614-040 / CC-BY-SA 3.0


Nein, dass die DDR ein Vierteljahrhundert später bereits Geschichte war, konnte auch er nicht ahnen. Aus seiner Perspektive, welche nicht der Blick auf die Fata Morgana einer in scheinbarem Überfluss schwelgenden Glitzerwelt war, sondern die einer von Armut und kapitalistischer Ausbeutung geschlagenen Mehrheit der Weltbevölkerung, war die Aufbauleistung der Menschen nach dem Krieg ein Vorbild und Wunder zugleich. Neben seinem Lob für das Gesehene unterstrich er in seinen Reden immer wieder die Bedeutung des Internationalismus und die Notwendigkeit der Solidarität. Er war sich darin mit seinen Gastgebern einig - besonders im Hinblick auf den bestialischen Krieg der USA gegen das kleine Vietnam, welcher sich auf seinem Höhepunkt befand und letztlich eine Bilanz von drei Millionen vietnamesischer Toter, in ihrer großen Mehrheit Zivilisten, hinterließ: "Über Vietnam haben die Imperialisten mehr als zwölf Millionen Tonnen Bomben abgeworfen. Das ist mehr als das Doppelte aller Bomben, die im 2. Weltkrieg abgeworfen wurden. (...) Millionen von Männern, Frauen und Kindern sind dort durch die imperialistische Aggression umgekommen. Deshalb ist es eine Aufgabe, die sich die lernende Jugend der sozialistischen Länder stellen muss, dass wir im Gegensatz dazu Wissenschaft und Technik nicht anwenden um zu zerstören, sondern um Neues zu schaffen, um die Armut zu besiegen, um das Leben zu schützen und zu verlängern, um das Wohl der Menschen zu fördern." Er bezeichnete dies als "eine der edelsten Aufgaben, die es für einen Menschen geben kann".

In den folgenden Jahren intensivierte sich die Zusammenarbeit: Zehntausende von Kubanerinnen und Kubanern kamen zur Arbeit, zur Ausbildung und zum Studium. Die DDR wurde überdies zu einem Land, das nach der Sowjetunion die kubanischen Internationalisten in starkem Maße materiell darin unterstützte, den Völkern im südlichen Afrika das Selbstbestimmungsrecht zu sichern und der rassistischen Apartheid-Politik Südafrikas die Grenzen aufzuzeigen. Auf einem Treffen mit Jugendlichen in Dresden sagte Fidel über den Kampf Kubas um seine Unabhängigkeit: "Das Wesen dieses Kampfes bestand in der Klärung der Fragen, welche Ideen die richtigen waren und welche nicht, ob sie oder wir recht hätten; ob wir in einer Gesellschaft der Ausbeuter und Ausgebeuteten leben sollten - wie sie in den Vereinigten Staaten bestand - oder in einer Gesellschaft ohne Ausbeuter und Ausgebeutete, wie wir sie in unserer Heimat errichten. Wir wissen aus Erfahrung, wie die Imperialisten ihre Reichtümer missbrauchen, wie sie versuchen, Lügen zu verbreiten angesichts einer historischen Wahrheit, wie sie zu beweisen versuchen, dass ihr Gesellschaftssystem richtig sei, weil sie reich sind, und zu beweisen versuchen, dass unser Gesellschaftssystem nicht richtig sei, weil wir arm sind. Die einzige historische Wahrheit besteht darin, dass die Kapitalisten ihre Reichtümer durch die Ausbeutung der in diesen Jahren unter dem grausamsten Kolonialjoch lebenden Völker anhäuften. Unsere Völker sind arm, weil sie jahrhundertelang unter dem Kolonialismus und Imperialismus ausgebeutet wurden." Bei allem, was in den 50 Jahren seit diesen Worten geschehen ist: Dieser Fragestellung und dieser Wahrheit müssen sich die Menschen weiterhin stellen. In Kuba, bei uns und weltweit.

*Am 13. August 1926 wurde Fidel Castro geboren; am 13. August 1961 baute die DDR ihre Grenzanlagen aus, um die Abwerbung ihrer Fachkräfte und die zunehmende Subversion aus Westdeutschland zu unterbinden

Wer die vollständigen Reden von Fidel Castro während seines DDR-Besuches nachlesen möchte, findet sie auf unserer Webseite: Reden Fidel Castros in der DDR 1972

CUBA LIBRE Wolfgang Mix

CUBA LIBRE 2-2022