Überraschende Kubaversteher des Tages

Es gibt Tage, da genügen ein paar Medienbeiträge, um einem zu zeigen, wie durcheinandergeschüttelt das politische und mediale Koordinatenkreuz ist. Im Internet stoße ich unter dem Titel "Die Gute Nachricht des Tages" auf einen Bericht vom April 2020 über den Einsatz kubanischer Ärzte und Pfleger in rund 60 Ländern um zu helfen und deren Einsatz in Südafrika. Berichtet wird auch, dass das medizinische Personal aus Kuba Teil des Internationalen Brigade Henry Reeve ist, die Staats- und Regierungschef Fidel Castro 2005 gründete habe, um in Krisensituationen zu helfen. Weiterhin erfährt der Leser, dass sie 2017 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgezeichnet wurde.

Soweit so gut, so weit alles korrekt. Warum also überhaupt einer Erwähnung wert? Weil es selbst in den sogenannten Qualitätsmedien in der Bundesrepublik üblich geworden ist, faktenfrei über Kuba zu berichten. Da wird etwa aufgrund des Auslandseinsatzes der Ärzte ein Ärztemangel in Kuba herbei halluziniert z.B.im Ärzteblatt. Dass laut WHO-Statistik 2018 Kuba mit 7,5 Ärzte pro 1.000 Einwohner in der BRD sind es nur 4,2 - die größte Ärztedichte weltweit hat, stört da anscheinend nicht. Und die internationale Solidarität und Arbeit der Ärzte wird als "sklavenähnliche Bedingung" diffamiert, auch in steuerfinanzierten Medien wie der Deutschen Welle also weit entfernt von jeglicher Realität.

Wenn ein Beitrag bei dem Thema Kuba also Fakten statt Polemik liefert, ist heutzutage diese Einhaltung journalistischer Standards durchaus erwähnenswert. Wo aber erschien der Beitrag? In der Online-Ausgabe der Deutschen Apotheker Zeitung. Und dies ist umso erstaunlicher, da die diese nun wahrlich irgendwelcher linker oder revolutionärer Umtriebe gänzlich unverdächtig ist. Es dürften auch wohl eher etwas besser situierte Leute, die wohl eher mit der F.D.P. Sympathisieren, zur Leserschaft gehören.

Und die nächste Überraschung ist dort ein Beitrag vom Dezember 2020 unter dem Titel: "Kuba als Vorbild? Postwachstum: Gefahr oder Chance für das Gesundheitswesen?" Referiert wird ein wissenschaftlichen Beitrag von Professor Martin Hensher, Professor für Finanzierung und Organisation der Gesundheitssysteme, sowie Katharine Zywert, Doktorandin für soziale und ökologische Nachhaltigkeit, "wie sich das Gesundheitswesen weltweit an die nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft anpassen könnte."

Es gelte, "Überdiagnosen" und "Überbehandlungen" zu eliminieren. "Eine durch nachhaltige Nutzung der Ressourcen weniger komplex werdende Wirtschaft könnte, laut der wissenschaftlichen Untersuchung, auch medizinische Behandlungsmethoden und Technologien einschränken. Die beiden Autoren vergleichen die Situation mit der, in der Kuba 1990 steckte: Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion war das Land vom internationalen Handel und der fossilen Versorgung abgeschnitten. Relativ schnell entwickelte Kuba daraufhin ein zwar abgespecktes, aber wirksames universelles Gesundheitssystem.", so DAZ-online. Natürlich ging es in Kuba nicht schwerpunktmäßig um die Abschaffung von "Überdiagnosen" und "Überbehandlungen" das sind neben der Unterversorgung Probleme eines profitgetriebenen Gesundheitssystems, in dem Patienten zum Beispiel operiert werden, weil es Geld bringt und nicht, weil es sinnvoll ist. Aber richtig beschrieben ist, dass das kubanische Gesundheitssystem trotz eingeschränkter materieller Ressourcen effektiv und universell zugänglich ist. Bemerkenswert an dem Artikel ist auf jeden Fall, dass es Kuba zum Ausgangspunkt der Diskussion macht. Dass er nicht weitergeht und die entscheidende Frage stellt, warum Kubas Gesundheitssystem trotz beschränkter Mittel so erfolgreich ist, sei verzeihen. Wir beantworten sie aber trotzdem gerne: Weil es an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet ist und nicht am Profit von Konzernen.

CUBA LIBRE Marion Leonhardt

CUBA LIBRE 2-2021