Dr. Arnold Schölzel

Solidarität und Weltgeschichte

CUBA LIBRE, Zeitschrift der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba
Zwei Wochen nach dem Tod Nelson Mandelas am 5. Dezember 2013 schrieb Fidel Castro in einer "Reflexion": "Als die Revolution in Kuba siegte, waren wir von den ersten Jahren an solidarisch mit den portugiesischen Kolonien in Afrika. Die Befreiungsbewegungen auf diesem Kontinent hielten nach dem Zweiten Weltkrieg und der Befreiung der Volksrepublik China – dem bevölkerungsreichsten Land der Welt – sowie nach dem ruhmreichen Sieg der Russischen Sozialistischen Revolution den Kolonialismus und Imperialismus in Schach. Die sozialen Revolutionen rüttelten an den Fundamenten der alten Ordnung." Das betraf in den 70er und 80er Jahren insbesondere das Apartheid-Regime in Südafrika, das – wie Castro erwähnte – "eine Frucht des kolonialen Europa war und durch die Vereinigten Staaten und Israel zu einer Atommacht gemacht wurde".

Der kubanische Revolutionsführer skizzierte den Beginn der militärischen Konfrontation der eigenen, in Angola kämpfenden Truppen, mit den Streitkräften dieses brutalen Gegners: "Von dem durch Südafrika besetzten Namibia zogen 1975 die rassistischen Truppen aus, die mehr als 1000 Kilometer weit bis in die Nähe von Luanda vorstießen. Dort konnte sie ein eingeflogenes Bataillon kubanischer Spezialtruppen und mehrere ebenfalls kubanische Besatzungen sowjetischer Panzer aufhalten. Das geschah im November 1975, 13 Jahre vor der Schlacht von Cuito Cuanavale."

Was sich 1988 im südlichen Afrika in der Nähe dieses angolanischen Ortes abspielte, die Niederlage der Armee des Apartheid-Regimes durch kubanische Internationalisten und angolanische Freiheitskämpfer, hat, das wissen wir heute, weltgeschichtliche Bedeutung. Die Nachricht von der Niederlage seiner Peiniger erreichte Nelson Mandela nach 25 Jahren Gefangenschaft auf Robben Island. Ihm war sofort klar, was sie bedeutete: Nicht nur das Ende der rassistischen Herrschaft in Südafrika hatte begonnen, es war auch eine Wende für ganz Afrika.

Castro und Mandela fassten diese historische Zäsur nicht in dieselben Worte, aber der Sache nach war ihre Betrachtungsweise identisch. Der kubanische Revolutionär dachte 2013 bei der Operation, die zur Schlacht von Cuito Cuanavale führte, an die Entscheidungsschlacht des Zweiten Weltkriegs: "Das war, als wenn man die Truppen, die in Stalingrad gekämpft hatten, an die Grenze des falangistischen Spanien geschickt hätte, das mehr als 100.000 Soldaten zum Kampf gegen die UdSSR entsandt hatte. In jenem Jahr wurde eine Operation dieser Art durchgeführt." Und er wies darauf hin, dass Südafrika nach kubanischer Schätzung damals über zehn bis zwölf Atomwaffen verfügte und mit Genehmigung von US-Präsident Ronald Reagan auch Tests durchführte. Castro: "Unsere Antwort war, das Personal in Kampfgruppen von nicht mehr als 1.000 – eintausend – Mann zu organisieren, die bei Nacht in breiter Fläche und ausgestattet mit Luftabwehrfahrzeugen marschieren mussten."

In seiner berühmten Rede am 26. Juli 1991, am Jahrestag des Fanals der kubanischen Revolution, in Matanzas verwies Mandela darauf, dass die bewaffnete kubanische Hilfe für den gesamten Kontinent von Bedeutung war: "Die kubanischen Internationalisten haben einen Beitrag zu Afrikas Unabhängigkeit, Freiheit und Gerechtigkeit geleistet, zu dessen prinzipiellem und selbstlosem Charakter es keinen Vergleich gibt… Wir in Afrika sind es gewohnt, Opfer von Ländern zu sein, die unser Land zerstückeln oder unsere Souveränität untergraben wollen. Es gibt keine Parallele in der Geschichte Afrikas dazu, dass ein anderes Volk sich erhebt, um uns zu verteidigen… Cuito Cuanavale war ein Wendepunkt im Kampf um die Befreiung des Kontinents und unseres Landes von der Geißel der Apartheid!"

Spielen die Ereignisse von 1988 heute noch eine Rolle? Ja, auch wenn sich die Verhältnisse nach dem Untergang der Sowjetunion zu Ungunsten der Revolution verändert haben. Der Imperialismus war aber nicht in der Lage, die Niederlage von Cuito Cuanavale rückgängig zu machen – ebenso wenig wie die von Stalingrad. Er konnte das Tempo vor allem der ökonomischen Befreiung Afrikas bremsen, aber nicht stoppen oder zurückdrehen in offenen Kolonialismus. Auch weil es diesen Sieg gab, arbeiten kubanische Internationalisten heute als Mediziner, Lehrer oder Techniker auf dem afrikanischen Kontinent – und nicht nur dort.

Wer wie "Cuba Libre" seit 40 Jahren für die Solidarität mit den Solidarischen, mit der kubanischen Revolution, eintritt, der hat einen kleinen, aber wichtigen Anteil an einer solchen historischen Zäsur wie der von 1988. Das ist ein großes, kaum zu überschätzendes Verdienst.

CUBA LIBRE

CUBA LIBRE 1-2020