Zur Zeit gibt es mehr Fragen als Antworten
Beginn der Debatte in den Betrieben

Nachdem Experten und Intellektuelle die Richtlinien konzipiert und reflektiert haben, ist nun seit dem 1. Dezember das Volk an der Reihe.
Hier die Zusammenfassung einer Diskussion, wie sie am Samstag den 4. Dezember in der Tabakfabrik José Martí stattgefunden hat.


Früh am Morgen kamen 42 Mitglieder der Partei und sechs der Jugendorganisation UJC zusammen und debattierten mehr als drei Stunden über das Projekt.
Das am meisten benutzte Wort war "Wie?", was deutlich macht, wie groß die Zweifel sind.
"Wie kann man die Maxime des Sozialismus umsetzen, die besagt: Jedem gemäß seiner Arbeit? Im Verlauf der 50 Jahre Revolution haben wir immer eine solche Aussage als eines der Grundprinzipien des Systems betrachtet, aber heute, da die internationale wirtschaftliche Lage sich verschärft und unsere Regierung darum kämpft, das Land nach vorne zu bringen, müssen wir wissen, wie wir es anstellen, jedem das zu geben, was er wirklich verdient", meinte Andrés Augustín Moré, Arbeiter in der Verwaltung.

Punkt 10 der Richtlinien schlägt den Prozess der Verhandlung, Ausarbeitung, Unterzeichnung und Kontrolle, ob die Verträge zwischen Partnern erfüllt worden sind, als wesentliches Instrument für den Erfolg vor. Tomás Benítez versichert, dass deutlich werden muss, wer in diesem Prozess die Verantwortung habe, weil nicht selten die Verträge zwischen Unternehmen nicht eingehalten werden. Es müsse ganz eindeutig festgelegt werden, wer verantwortlich sei, damit gegen keinen einzigen Punkt des Vertrages verstoßen werde. "Manchmal erfüllen die, die dafür zuständig sind, uns zu beliefern den Vertrag nicht und die, die darunter zu leiden haben, sind wir.", fuhr er fort.

Ricardo Diáz González, der als Gast an der Debatte teilnahm, brachte seine Erfahrung als Ökonom ein: "Die Verletzung von Verträgen ist kein neues Phänomen. Im Paradigma des Industriemanagements, das wir mit der Aktualisierung des ökonomischen Modells verfolgen, muss das staatliche Unternehmen sich ins Zentrum der Wirtschaft stellen und ein Vorbild an Führung sein.

Er erklärte, dass die Unternehmen, die Verluste machen, nicht in das neue Muster passen. Deswegen müssten die Verantwortlichkeiten und Finanzierungsinstrumente, die zur Führung, Organisation und der Produktion der Waren und der Dienstleistungen benutzt würden, genau definiert werden. Der Ökonom machte deutlich, dass, wenn man die Ökonomie ans Laufen bekommen möchte, sich die Investitionen in Rahmen der Vereinbarungen bewegen müssten und die Landwirtschaft einen neuen Anlauf nehmen und sich konsolidieren müsse.

Damit es wirklich zu einem Anstieg der Arbeitsproduktivität kommt, der das Durchschnittseinkommen der Arbeiter übersteigt, meinte Miguel Bárzaga Maceo, der Direktor des Unternehmens, dass man die rechtzeitige Lieferung sicherstellen müsse, denn oft habe sein Unternehmen am Ende des Monats fast die doppelte Zahl der Arbeiter beschäftigen müssen, während man mit weniger Arbeitskräften, die im gleichen Rhythmus arbeiten könnten, weil genügend Rohstoff vorhanden ist, die gleiche Anzahl an Zigarren herstellen könnte.

Dazu sagte der Arbeiter Adalberto Fernández Toledo: "Es ist sehr wichtig, auf die Ergebnisse des Einzelnen und des Kollektivs zu achten, an die Bezahlung jedes einzelnen Arbeiters zu denken gemäß seiner Fähigkeit und seiner Anstrengung. Das sollte klar im Projekt festgelegt werden."

Fast alle Arbeiter des Unternehmens stimmten darin überein, dass man mehr Raum zur Verfügung haben sollte, um jeden Punkt der Richtlinien erschöpfend zu behandeln. Sie alle sahen die Notwendigkeit einer Presse, die sich stärker am Informationsprozess beteiligt. Die Kommunikationsmedien sollten eine aktivere Rolle einnehmen, um beim Erkenntnisprozess der Bevölkerung zu helfen.

"Man müsste mehr Diskussionsrunden mit Experten machen und das Thema im Radio und im Fernsehen erläutern, aber nicht nur um zu informieren, sondern auch um zu erklären. Dafür brauchen wir die Teilnahme von Funktionären, Akademikern, Personen mit Ansehen und Kenntnissen zum Thema. Die Bevölkerung verlangt nach mehr Information, um alle Zweifel auszuräumen. Die Mesa Redonda könnte dem Thema mehr Raum geben, weil es viele Fragen gibt, die auf diesem Wege beantwortet werden könnten. In diesem Stadium gibt es mehr Fragen als Antworten", stellte Andrés Augustín Moré fest.

Julio César Agüero brachte seine Besorgnis über die in Punkt 129 ausgeführten guten Gaben zum Ausdruck, die das System sogar denen zugesteht, die nichts produzieren, obwohl sie es sehr wohl könnten.
"Ich bin damit einverstanden, dass wir weiterhin die Errungenschaften der Revolution erhalten sollten, wie Zugang zur Medizin, Erziehung, Kultur, Sport, Erholung, Sozialversicherung und den Schutz durch Sozialhilfe für Personen, die sie benötigen. Aber hier ist etwas, was ich nicht verstehe und auch nie verstehen werde und das ist, warum die Faulen genauso davon profitieren."

Im Gegenzug dazu gab Lisette Valdespino sich auf denselben Punkt beziehend zu bedenken, dass man besondere Vorsicht walten lassen müsse, wenn man etwas an Sozialhilfe zurücknehme. Es gebe nämlich Personen, die, obwohl sie Familie hätten, doch besonderer Betreuung und finanzieller Hilfe bedürften. "Es ist notwendig, in der Gemeinde zu forschen, wer wirklich die Hilfe des Staates benötigt.", meinte sie.

"In diesem Prozess bleibt niemand seinem Schicksal überlassen", betonte Teresita Cismeros Diaz, Abgeordnete der Nationalversammlung des Poder Popular für das Municipio Plaza de la Revolución, wo das Unternehmen seinen Sitz hat.
"Trotzdem muss man auf die Verantwortung der Familie zurückgreifen. Es gibt Frauen, die aufgehört haben zu arbeiten, um für die Familie da zu sein, sich um Hausarbeit und Erziehung der Kinder zu kümmern. Diese müssen heute von diesen Familien, die den Nutzen davon haben, entlohnt werden und nicht durch den Staat."

Sie erklärte außerdem, dass etwa bis zum Monat April die Modalität der häuslichen Hilfskraft existiert. Das ist eine Person, der vom Staat 325 Pesos bezahlt werden, damit sie sich um alte Menschen kümmert. "Wir müssen zugeben, das wir Fehler begangen haben, unter anderem den, dass der Staat vielen alten Menschen, die Familie haben, eine Betreuung bezahlt hat, damit diese ihr Essen bekamen. In Wirklichkeit ist es aber an der Familie, sich um diese älteren Menschen zu kümmern. Derjenige, der die Hilfe wirklich braucht, wird sie auch bekommen."

Sie machte deutlich dass auch das Problem der Bezahlung der Medikamente geregelt werden müsse. "Es gibt Kranke, die leben inmitten ihrer Familien und der Staat bezahlt ihre Medikamente. Aber heute geht es darum, alles zu korrigieren, was nötig ist, um wirtschaftlich voranzukommen, ohne den gesellschaftlich verletzlichen Teil der Bevölkerung zu vernachlässigen.

Es ist Aufgabe der Familie, dabei zu helfen, die Erkenntnis wieder zu erlangen, was es bedeutet, ein für die Gesellschaft nützlicher Arbeiter zu sein. Früher war es ein Anlass für Stolz, ein Kind zu haben, dass Arbeiter war und ein Akademiker war Luxus, ein Traum. Jetzt müssen wir die Jüngsten daran erinnern, dass Arbeiter zu sein genau so wichtig ist."

Ein weiteres angesprochenes Thema war die Bildung.
"Jugendlicher ist, wer es sein möchte, wie es im Lied heißt, aber nicht jeder kann Lehrer sein", machte Lisette Valdespino deutlich, die sich große Sorgen um die Erziehung der Kinder macht. Wie sie erklärte, ist das Erziehungssystem eine Errungenschaft der Revolution gewesen. Trotzdem hat das Land wegen konjunktureller Probleme auf die Option zurückgreifen müssen, sogenannte profesores integrales Lehrer für fast alle Fächer auszubilden, weil es nicht genügend Lehrer gab und dabei wurde bei der Auswahl nicht immer sorgfältig vorgegangen.
Lisette schlug vor, im Auswahlverfahren für diejenigen, die zukünftige Generationen ausbilden, höhere Ansprüche zu stellen, denn "lehren kann irgendeiner, erziehen nur der, der ein lebendiges Evangelium ist", schloss sie mit den Worten von José Luz y Caballero.

Miguel Bárzaga Maceo hielt sich bei Punkt 172 auf, der sich auf die Landwirtschaft bezieht, die Veränderungen im System der Lagerung und Kommerzialisierung von landwirtschaftlichen Produkte mittels flexiblerer Mechanismen, die dazu beitragen, die Verluste in den Produktionsketten zu verringern. Das soll durch Vereinfachung der Beziehungen zwischen der Produktion und dem Endverbraucher geschehen und die Qualität der angebotenen Produkte verbessern.

"Zu sagen, die Verluste zu 'verringern' ist beschämend, das richtige Wort dafür müsste 'ausmerzen' sein, genau das Wort, das wir auch benutzen, wenn wir uns auf die Korruption beziehen. Es ist unbegreiflich, dass Lebensmittel verloren gehen, wenn man bedenkt, welch hohe Kosten es Cuba verursacht, sie zu produzieren und wie viele Millionen wir ausgeben, um sie zu importieren."

"Die Stigmatisierung der Leute, die auf eigene Rechnung arbeiten, muss sofort aufhören. Der ehrliche Arbeiter, der sich dem Prozess verpflichtet fühlt und alle sozialen Normen erfüllt, muss ganz normal anerkannt werden", meinte der Tabakarbeiter Tomás Benítez.

"In der ersten Etappe der Umstrukturierung der Fabriken ist vorgesehen, dass etwa 500.000 Arbeiter vom staatlichen in den nichtstaatlichen Sektor übergehen. Dies wird nur der Anfang sein, weil man schätzt, dass die Zahl sich letztendlich auf 1.500.000 belaufen wird. Alle diese Leute werden auch eine Säule unserer Wirtschaft sein. Sie werden eine neue Kraft sein, die allen Cubanern zugute kommt", versicherte Ricardo Díaz Gónzalez.

Wir durchschreiten Zeiten der Veränderung, der Revolution, Momente, deren Klauseln unterwegs ausprobiert, angepasst und neu erfunden werden müssen, in Übereinstimmung mit der Erfahrung und den Notwendigkeiten, wie diese Arbeiter hervorhoben.


Logo CUBA LIBRE Zusammenfassung aus Juventud Rebelde 5.12.10
Renate Fausten

CUBA LIBRE 1-2011