Überflüssig, aber ernst zu nehmen

Eiszeit in den Tropen, Botschafter bei Fidel Castro

Schon der Titel lässt Schlimmes erwarten. Wer mit schiefen Metaphern, wie der von der Eiszeit in den Tropen aufwarten muss und das Botschafterverhältnis personifiziert, kann wenig Substanzielles zur Debatte um Kuba beisteuern. Leider täuscht der erste Eindruck nicht. Das Buch dient vor allem der Selbstdarstellung eines geschwätzigen Mannes, der viele Worte macht, aber wenig zu sagen hat.

Von 2001 bis 2005 amtierte Wulffen als deutscher Botschafter in Havanna und noch in dem Buch merkt man, wie es sein Ego kränkte, dass er wie zahlreiche weitere EU-Botschafter zeitweilig kaltgestellt war. Nach dem Zerwürfnis zwischen Kuba und der EU über die Haltung zur Menschenrechtssituation in der UN und über Todesurteile in Kuba wurden die Kontakte auf das nötigste reduziert. Sie durften nicht mehr an offiziellen Empfängen teilnehmen. Das ganze Gebiet der klassischen Diplomatie liegt nun brach. Die Beziehungen waren eingefroren und der Botschafter konnte seiner Freizeitbeschäftigung nachgehen. Fidel Castro nannte sein Verbleiben in Havanna in dieser Situation weniger diplomatisch überflüssig und traf damit den Punkt.

Auch das Buch des eitlen Ex-Botschafters ist eigentlich überflüssig. Dass es hier doch Erwähnung findet, hat vor allem zwei Gründe. Wulffen ist eben nicht nur ein Mann mit gekränktem Ego, der auch noch seine Erinnerung auf den Markt werfen will. Er kritisiert auch immer wieder die zu brachiale US-Politik gegenüber Kuba. Dabei ist es für ihn entscheidend, dass sie nicht erfolgreich ist. Obwohl seine Rhetorik sich oft wenig von der Kalten-Kriegs-Propaganda in Miami unterscheidet. So schreibt er über die Initiative zahlreicher Buchverlage, die den durch die rot-grüne Bundesregierung initiierten Boykott der Buchmesse in Havanna nicht mitmachten und sich an der Messe beteiligten im besten Slang der 50er Jahre: "Unter dem Briefkopf "Cuba Sí" tauchten auf einmal Verlage und Gruppen auf, die sich früher kaum an der Messe beteiligt hatten. Mein Verdacht, dass Kuba die "alten" Kommunisten aus Ostberlin und die ihnen nahestehenden Blätter mobilisiert hatte, bestätigte sich dann".

Dass Gruppierungen, die sich mit politischen Gründen solidarisierten bisher eher von den deutschen Verfassungsschutzbehörden als vom Botschafter wahrgenommen wurden, ist die eine Sache. Dass ihnen aber nicht zugebilligt wird, sich in Eigenregie für die Buchmesse zu engagieren, sondern von Havanna mobilisiert werden, ist nur die zeitgemäße Variante der Mär von der Steuerung der Linken aus dem Ausland.

Trotzdem gibt sich Wulffen als Mann des 3. Weges, der effektiver als die USA den revolutionären Virus einzudämmen verspricht. Dass es nicht nur bei Ankündigungen bleibt, zeigt Wulffens Teilnahme bei einer Konferenz der Evangelischen Akademie in Schwanenwerder bei Berlin. Wie Harald Neuber in der jungen Welt vom 25. Juli berichtete, distanzierte man sich von der Rhetorik der USA, um dann darüber zu beraten, wie Kuba auf sanftere Weise der Welt des freien Kapitals eingemeindet werden kann. "Anders als die rechten Kuba-Gegner, die überaus enge Kontakte zu Postfranquisten de spanischen Volkspartei und Konterrevolutionären in den USA unterhalten, suchten die Teilnehmer der jüngsten Tagung einen eigenständigen Weg. Ihre Haltung zum revolutionären Kuba ist realistischer, die Strategie des angestrebten Systemwechsels jedoch umso perfider", schreibt Neuber über den Kongress, auf dem auch Wulffen redete.

Diese Einschätzung gilt auch dessen Buch und gerade deshalb sollen es die Menschen lesen, die Kuba nicht wieder in die kapitalistische Welt eingemeindet wissen wollen. Der zweite Grund dafür, dass man Wulffen ernst nehmen sollte, ist der Verlag, in dem das Buch erschienen ist. Anders als die Kalte-Kriegs-Rhetorik vermuten lässt, handelt es sich dabei nicht um einen rechten sondern einen gemäßigt linken Verlag. Doch in diesen Kreisen finden die unterschiedlichen Protegés eines Umsturzes in Kuba immer wieder Gehör.

Das zeigt sich Anfang Oktober wieder im ebenfalls gemäßigt linken Freitag. Dort wird mit dem kubanischen Schriftsteller Amir Valle ein Mann interviewt, der der kubanischen Regierung die Maske runterreißen will. Was er damit meint, ist eindeutig.: "Die Regierung in Havanna ist die Regierung der Masken. Es gibt eine Maske nach innen, es gibt eine Maske auf der internationalen politischen Bühne, eine f+r die internationale Linke und es gibt eine ganze Reihe von Masken in den Beziehungen zu den internationalen Organisationen. Ich persönlich glaube, dass die schönen Ziele der Revolution längst verraten wurden. Zwar wissen die Menschen in Kuba die Errungenschaften der Revolution zu schätzen, sie sind sich aber auch sehr wohl bewußt, dass sie davon immer weniger haben." Das Embargo und der Druck auf Kuba kommen bei ihm gar nicht vor. Der Interviewer fragt dann auch nicht kritischer nach und lässt die Widersprüche offen. Einerseits behauptet er, dass er anlässlich einer Lesereise nach Spanien kein Rückreisevisum bekam und deshalb in Europa geblieben ist. Andererseits sagt er: "Ich will nicht unter bestimmten Konditionen zurückkehren. Ich möchte das Recht haben aus- und einzureisen, wie es meine berufliche Arbeit nötig macht."

Dass die Mehrheit der KubanerInnen gar kein Visum in andere Länder bekommt und deshalb nicht ausreisen kann, scheint ihm gar nicht aufzufallen. Trotzdem wurde er von der Heinrich-Böll-Stiftung für drei Monate gefördert, nun hat ihn die deutsche Pen-Sektion ein "Writers in Exile"-Stipendium verschafft. Das ist der Boden, auf dem Menschen wie Wulffen agieren und wo seine Thesen auf fruchtbaren Boden fallen. Deshalb sind sie eben nicht als Privatmeinung eines alten Ex-Botschafters abzutun, der sich von Castro gekränkt fühlt.

Eiszeit in den Tropen, Botschafter bei Fidel Castro
Wulffen, Bernd, Berlin 2006
Christoph Links Verlag, 19,90, 319 Seiten, ISBN 3861534061


CUBA LIBRE
Peter Nowak

CUBA LIBRE 4-2007