Bioterrorismus

US-Präsident Bush sieht eine zweite Terrorwelle über sein Land rollen; die Anschläge mit Milzbrandbakterien. Einen Grund für eine Massenpanik gibt es indes nicht. Noch nicht, denn Horrorszenarien von Bioangriffen mit Tausenden von Toten könnten ohne wirksame internationale Kontrollabkommen durchaus Realität werden.

Die USA und 143 weitere Staaten unterzeichneten 1972 eine Biowaffenkonvention, in der sie erklärten, dass sie "nie und unter keinen Umständen biologische Waffen und deren Bestandteile" entwickeln, produzieren, lagern und auf andere Weise beschaffen werden. Hielten sich die verantwortlichen Regierungen daran, gäbe es keinen Grund zur Furcht. Denn ohne staatliche Unterstützung wäre es auch privaten Akteuren nicht möglich, Krankheitserreger in größeren mengen zu produzieren. So war es ein enormer Fortschritt, als die Vertragsstaaten der Biowaffenkonvention im August dieses Jahres ein Zusatzprotokoll vorlegten, das Kontrollen vor Ort ermöglicht. Doch ausgerechnet die USA verweigerten ihre Unterschrift.

Mit gutem Grund. Wenige Tage vor dem 11. September deckte die New York Times auf, dass die Regierung Clinton mehrfach gegen die Konvention verstoßen hatte. So baute das Pentagon Mitte der 90er Jahre in der Wüste Nevadas eine Anlage zur Produktion biologischer Waffen. Die Firma ITT bekam den Auftrag, speziell gehärtete Raketensprengköpfe für Bioangriffe zu entwickeln. Außerdem betrieb die US-Regierung drei unterirdische Forschungsanlagen zur Erzeugung von Aerosolen feinsten Nebeln zur Verbreitung tödlicher Erreger. Weiter Projekte kommen hinzu.

Natürlich waren die USA um eine Begründung für ihre bislang geheimen Experimente nicht verlegen. Sie wollten die Aerosole lediglich einsetzen, um verschiedene Angriffsszenarien durchzuspielen und zu testen, wie man Raketensprengköpfe mit biologischer Fracht vernichten kann. Und das Experiment in der Nevada-Wüste sollte zeigen, dass biologische Waffen mit einfachsten Mitteln herzustellen sind. All das mag man in den USA glauben oder nicht. Fest steht: Verstieße ein anderes Land derart offensichtlich gegen die Biowaffenkonvention es würde umgehend in den Rang eines Schurkenstaats erhoben.

Damit nicht genug. Die USA sind der New York Times zufolge dabei, gentechnisch verändertes Anthrax zu erzeugen, um zu überprüfen, ob damit der Impfschutz der US-Armee unterlaufen werden kann. Auch die seit zehn Jahren betriebene Entwicklung genmanipulierter Pilze zur Vernichtung illegaler Drogenpflanzen steht nicht im Einklang mit der Biowaffenkonvention. Die Regierung Clinton knüpfte ursprünglich die Gewährung der 1,3 Milliarden US-Dollar für den Kolumbien-Plan sogar an die Bedingung, solche Pilze einzusetzen. Das konnte aufgrund zahlreicher Proteste verhindert werden. Bis auf weiteres. Denn in Usbekistan werden die Pilze schon an Schlafmohn getestet.

Bushs und Clintons Vorgänger besaßen noch weniger Skrupel. Während des zweiten Weltkrieges infizierte die US-Marine 400 Strafgefangene in Chicago mit Malariaerregern. Und im Koreakrieg sollen US-Militärs nach Aussagen von Kriegsgefangenen Cholera-, Gelbfieber- und Milzbranderreger eingesetzt haben. Das war vor der Unterzeichnung der Biowaffenkonvention. Heute agieren die USA diskreter.

Aufgrund dieses Umgangs mit Biowaffen war selbst nach den aktuellen Milzbrandanschlägen nicht damit zu rechnen, dass die USA ihre Labors für ausländische Kontrolleure öffnen würden. Das reicht der Bush-Regierung aber nicht. Sie stellt jetzt das gesamte Biowaffenabkommen von 1972 in Frage. Fortan soll nur noch der Einsatz biologischer Waffen verboten bleiben. Das ist ein Rückfall auf das Genfer Protokoll von 1925. Die USA sind mitverantwortlich, wenn es eines Tages zu wirklichen Epidemien als Folge eines Bioangriffs kommt.

CUBA LIBRE
Quelle: Lateinamerika Nachrichten 330

CUBA LIBRE 1-2002