Autismus

Die angelehnte Tür

Ein psychopädagogisches Projekt übe die Arbeit mit autistischen Kindern, das in Cuba initiiert wurde. Obwohl dieses Syndrom weiterhin ein Mysterium ist, beginnt sich allmählich die Tür zu öffnen.

Alle ihre blonden Puppen heißen Alicia und ihr gefällt es, dass sie so heißen, obwohl sie wahrhaftig in keinem Wunderland lebt. Yadira ist ein autistisches Mädchen.

Sie ist sieben Jahre alt und mit drei Jahren war sie fähig, Puzzles von bis zu 25 Teilen zusammenzusetzen. Dennoch hat sie kaum erst damit angefangen, das Rätsel der Buchstaben und der Zahlen zu ergründen. Ihre Welt ist die des Zeichentrickfilms. Sie kann mit der richtigen Betonung ganze Fragmente von Texten wiedergeben, die sie im Fernsehen gesprochen hört, auch von Liedern. Im realen Leben ist es ihr nicht möglich, mit jemandem in einen Dialog zu treten. Ihre Zeit und ihr Platz sind nicht die der anderen. Sie bewegt sich innerhalb einer unbekannten Klammer, aus der sie nicht errettet werden kann, weil wir immer noch nicht wissen, wie. Der Autismus gibt nach wie vor Rätsel auf. Und während er das tut, trotz der Untersuchungen, die zur Zeit im Gange sind, wird Yadira-Alicia fortfahren, sich selbst an einen Stuhl zu fesseln, genauso, wie sie es in der Himmel weiß welchem Zeichentrickfilm gesehen hat.

Außergewöhnliche Wesen, aber keine Genies

Obwohl "Rainman", der bekannte Film mit Dustin Hoffmann, bewirkt, dass Laien Autismus mit gewissen genialen Fähigkeiten gleichsetzen, tauchen diese Merkmale noch nicht einmal bei der Mehrzahl derer auf, die an dem Syndrom leiden. Dies ist jedenfalls das Urteil medizinischer Fachbücher, einschließlich jenes aus dem Jahre 1911, als die Krankheit zum ersten Mal erforscht wurde.

Nach vielen Hypothesen stimmen heute alle Untersuchungen dahingehend überein, dass man von einer allgemeinen Entwicklungsstörung ausgeht. Der Ursprung des Syndroms ist eindeutig organischer Natur, obwohl es seine spezifischen Ursachen noch zu entdecken gilt. Es greift die Verständnissphäre an, die der Gefühle, der Kommunikation und der Sprache, des Verhaltens und der Sinne, wodurch verhindert wird, dass adäquate Beziehungen zu Personen und Objekten aufgebaut werden, was wiederum die psychisch-physische Entwicklung wie auch die Sozialisation und die Lernfähigkeit des Kindes gefährdet.

Mit anderen Worten: diejenigen, die unter dieser Krankheit leiden, haben eine einzigartige Beziehung zur Welt und nehmen sie auch, was die Töne und den Rhythmus angeht, auf eine andere Art und Weise wahr. Sie weisen rituelle und zwanghafte Verhaltensmuster auf (Die selbe Geste oder Haltung wird bis zur Erschöpfung wiederholt oder sie bestehen darauf, immer eine bestimmte Kleidung zu tragen oder den selben Weg zu benutzen.) Sie haben auch seltsame Essensgewohnheiten (Sie essen nur ein bestimmtes Nahrungsmittel, sie nehmen Flüssigkeiten nur von einer bestimmten Farbe zu sich oder sie essen nach jedem Löffel immer ein Stück Guayaba )

Die möglichen Ursprünge des Autismus unter dem zwischen zwei und vier von 10.000 Bewohnern des Planeten leiden, sehen einige Spezialisten genetisch bedingt, andere neurologisch, obwohl weder das eine, noch das andere bisher wissenschaftlich bewiesen wurde. Und da es bis jetzt unmöglich gewesen ist, die Ursachen zu bestimmen, ist es auch schwierig, wegen der Heterogenität der Symptome, zu einer sicheren Diagnose zu kommen. Trotzdem verfügen die Psychiater über alle Instrumentarien, um zu einem sicheren Urteil zu gelangen.

Antworten ohne Fragen

Yadira wollte keine meiner Fragen beantworten, obwohl sie und die anderen vierzehn autistischen Kinder, mit denen sie jeden Tag verbringt, von vielen Antworten umgeben sind. Sie sind Objekte eines neuen psychopädagogischen Programms, das von der cubanischen Professorin Elsa Escalona konzipiert wurde. Die Früchte sind schon erkennbar, obwohl mit der Arbeit erst vor kurzer Zeit begonnen wurde. Yadira und ein anderer Schüler lernen bereits zu lesen und schreiben und im allgemeinen haben alle, auch die besonders schwer Geschädigten wie jenes Mädchen, das zum Zeitpunkt meiner Ankunft gierig an einer Wand nagte, Fortschritte gemacht. Später erfuhr ich, dass trotz der dauernden Überwachung ein großer Teil der Zerstörungen, die den Wänden beigebracht worden sind, von denjenigen stammen, die unter einer Krankheit namens Pica leiden. Diese besteht darin, nicht essbare Dinge zu dich zu nehmen, und einige der autistischen Kinder leiden daran.

Drei Klassenräume der Sonderschule für Verhaltensgestörte "Cheché Alfonso" im Municipio Plaza de la Revolución sind der Ort, an dem das Programm entwickelt wird. Aber es soll sich keiner Schüler vorstellen, die gebannt auf die Tafel schauen und Notizen in ihre Hefte schreiben. Schreie, unartikulierte Laute, heftige Bewegungen dringen aus diesen Räumen, in denen eine Lehrerin für fünf Schüler zuständig ist. Bis das Projekt in Gang gekommen ist, gab es in Cuba keine Techniken, um diese Kinder psychopädagogisch zu behandeln. Das Programm der Professorin Escalona stellt einen Entwurf für eine individuelle und differenzierte Behandlung dar, von der aus detailliert die Möglichkeiten jedes Einzelnen ergründet werden können. Dies verlangt auch die Mithilfe der Eltern und der ganzen Familie als Cotherapeuten, und damit sie dazu systematisch befähigt werden, bedarf es täglicher Kontakte, Besuche zu Hause und Schulungen der Eltern.

Seit 1992 die ersten drei Autisten in die "Cheché Alfonso"-Schule kamen, begann Elsa Escalona zu forschen, und in dem Maße, in dem sich die Schulzugänge erhöhten, gestaltete sich das, was heute dieses Programm ausmacht. Das war auch das Thema ihrer Doktorarbeit, die sie erst kürzlich mit Erfolg verteidigte und die die klinische Behandlungsmethode komplettiert, die schon seit langer Zeit angewandt wird. Ohne in zu viele Technizismen verfallen zu wollen, geht dieser psychopädagogische Versuch vom realen Entwicklungsstand jedes einzelnen Kindes aus, um von dort aus in die nächste Etappe der Entwicklung fortzuschreiten und somit auf Grund der neu geschaffenen Möglichkeiten sukzessive Sprünge in Bewegung zu setzen.

Zauberer oder Lehrer ?

Man sollte das Wort LEHRER groß schreiben, denn wenn es im allgemeinen schon schwierig ist zu erziehen, erscheint es fast schon wie Zauberei, mit diesen Schülern in Verbindung zu treten und zu erreichen, dass sie etwas lernen. Aber diese vier Expertinnen in Defektologie, haben nie dagewesene Fortschritte erreicht.

Yaíma Demósthene, Caterí Soler, Vivianne Barbosa und Elsa Escalona, die Direktorin des Programms, haben zusammen mit der Logopädin Imilla Campos und der Pädagogin Gisela Vinent diesen Kindern einen neuen Lebenssinn gegeben. Und das ist keine Phrase. Es genügt zu sehen, welche Lernmittel sie erfinden, die fast immer mit einem Spiel assoziiert sind, wie sie die Kinder baden, wenn die fehlende Kontrolle des Schließmuskels ihnen einen bösen Streich spielt, wenn sie ihnen beim Essen helfen, wie sie ohne mit der Wimper zu zucken eine Kratzwunde, ein Kneifen, ja sogar eine Ohrfeige dieser Schüler ertragen, von denen einige aggressiv und größer und korpulenter als ihre Erzieher sind. Es sind Schüler zwischen 3 und 14 Jahren in dieser Schule.

Man kann sie zusammen mit der Professorin vor einem Spiegel stehen sehen, damit sie ihren Körper wiedererkennen, den sie nicht immer bewusst wahrnehmen. Manche von ihnen sitzen vor den Computern oder hantieren mit Sachen von lebhaften Farben, mit Folien und anderen Medien, die alle dafür geschaffen wurden, den besonderen Notwendigkeiten dieser Schüler entgegenzukommen. So bedeutet ein Ball zum Beispiel für sie nicht das gleiche wie für andere Kinder.

Man könnte denken, es handle sich bei ihnen um eine Klostergemeinschaft mit sehr viel Erfahrung. Aber aines der erstaunlichsten Dinge an diesem Ort, an dem es so viel Erstaunliches gibt, ist, dass außer Elsa, die mit 32 Jahren ihren Magister gemacht hat, alle sehr jung sind: Yamía, die im Juli 1996 ihr Studium beendete und sofort danach mit ihrer Arbeit hier begann, während Caterí 1998 ihr Examen machte und nach Ende der Ferien diese Arbeit aufnahm. Jung ist auch die Logopädin. Allen gemeinsam ist die Ernsthaftigkeit, mir der sie ohne auf die Uhr zu gucken sich fortbilden. Forschungsergebnisse ausarbeiten und vor allem mit ihren Schülern interagieren um geduldig und zäh die geheimnisvolle Mauer zu durchbrechen, die diese isoliert und anders sein lässt.

Regen für Julio

An einem sonnigen Tag bat Julio, wie die meisten anderen auch, um Farben. Er hat obzessive Phasen, in denen er unentwegt zeichnet und andere, in denen er unentwegt mit seinen kleinen Autos spielt. Aber immer erfüllt Caterí, seine Lehrerin, seine Wünsche ohne Neugier oder Erstaunen zu zeigen. Beides kam später, als das elfjährige Kind vor ihren Augen seinen phantastischen Wolkenbruch malte. Auf dem ganzen Blatt lief eine mit Stiften gezeichnete und mit Feder umrandete, unendlich erscheinende Menge von Wolken zusammen: Violett, bedrohlich, grau, rachsüchtig, blau, Wassermassen ankündigend. Ein Himmel, der sich zur letzten Sintflut auftut, das Hässliche und die Engel mit sich tragend und nur für Julio, von Julio regnend. Inmitten des Chaos ein Donner, widerhallend, Betäubend, mit einer alten gelben Glocke ein Requiem anstimmend für Julio, von Julio?

Er kam mit acht Jahren zur "Cheché Alfonso"-Schule. Von ganz lein an wurde er als autistisch diagnostiziert und hatte noch nie eine Schule besucht. Er drückte sich durch vereinzelte Worte aus. Alles, was flog, egal, ob Flugzeug, Papierdrachen oder Vogel, war für ihn "titi". Er bewegte unaufhörlich seine Finger und hielt sie gegen das Licht, und Verhaltensregeln waren ihm praktisch unbekannt. Wenn man ihn ansprach, urinierte er. Er war gewalttätig. Er schrie und spuckte. Er duldete keine Umarmungen oder irgend eine andere Form von Zärtlichkeit. Er kannte sienen Namen nicht.

Julio, komm her und sag der Journalistin guten Tag!

Mmmm, Journalistin, Journalistin.

Er gab mir einen Kuss und rannte mit seinen langen Beinen wieder weg. Er ist derjenige, der die meisten Fortschritte gemacht hat. Man kann mit ihm eine Unterhaltung bis zu zwei Fragen und antworten führen. Er liest schon, wenn auch noch Silbe für Silbe. Er versteht das Gelesene und er ist Weltmeister in Computerspielen, bei denen er verschiedene Hindernisse umgehen muss, um ans Zeil zu gelangen.

Caterí musste viele Änderungen im Stundenplan vornehmen, um diese Erfolge zu erreichen. Zuerst war es nötig, ihm beizubringen, wie man einen Bleistift hält, später lernte er auszumalen, mit Plastilin zu modellieren, mit der Schere zu schneiden. Jetzt macht er bereits bei den Pionieren mit, nimmt am "Matutino" teil und an den Zeltlagern zusammen mit verhaltensgestörten Kindern. Er singt die National- und die Schulhymne. Er verabschiedet sich jeden Morgen von seiner Mama. Es gelingt ihm, verschiedene Gesten und blicke zu interpretieren, was der Mehrheit der Autisten nicht gelingt. Sie verfügen nur über ein konkretes, situatives Denken, das einzig und allein auf den Augenblick und auf das Greifbare bezogen ist.

Deswegen bewahrt die Lehrerin seine Wolkenbruchzeichnung so sorgfältig, als wäre sie ein Original von van Gogh. Nur sie kann ermessen, welcher Triumph darin liegt, an einem Sonnentag einen solchen Regen zu zeichnen.

CUBA LIBRE Vladia Rubio
Bohemia Nacional, Mai 2000
(Übersetzung: U. Fausten)

CUBA LIBRE 1-2002