Frei Betto

Mystik und Sozialismus

Welcher Zusammenhang besteht zwischen diesen beiden Themen? Zuerst möchte ich erinnern an den uns allen überraschenden Zusammenbruch des seit dem Zweiten Weltkrieg in Osteuropa vorherrschenden sozialistischen Modells. Dieser Zusammenbruch hängt zusammen mit dem, was wir Mystik nennen.

Bevor ich auf den Zusammenhang zwischen beiden Themen eingehe, möchte ich über ein Gespräch berichten, das Leonardo Boff und ich im Februar 1990 in Ost-Berlin mit einem Minister der damals noch existierenden DDR geführt haben. Es war eine wahre Beichte, eine profunde Selbstkritik, als er äußerte, daß die Niederlage des Sozialismus allgemein in Osteuropa wie auch speziell in Deutschland nicht das Ergebnis des kapitalistischen Drucks sei, sondern von Fehlern, die bereits bei der Einführung eines "Perücken-Sozialismus" in Osteuropa. Eine Perücke wird von oben nach unten übergestülpt, während die Haare von unten nach oben wachsen und Wurzeln haben. Eine Perücke kann durch einen heftigen Windstoß der Geschichte fortfliegen, und so geschah es auch. Mit anderen Worten: Der Sozialismus in Osteuropa wurde von oben nach unten verordnet, er kam von außen, war ein Ergebnis der Neuordnung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Er entstand weder durch eine Volks- oder Gewerkschaftsbewegung noch durch Revolutionen oder Aufstände der Bevölkerung.

Selbstkritik

Das eingeführte Modell wurde von der Hegemonialmacht in Osteuropa, der UdSSR exportiert mit allen Merkmalen des Stalinismus, der politischen Repression und des Einparteiensystems. Selbst die Sowjetunion hat nach Chrustschow eine öffentliche Selbstkritik geübt an den stalinistischen Zügen des sowjetischen Modells.

Der Minister äußerte eine weitere interessante Meinung: Als in den 40er Jahren der Sozialismus eingeführt wurde, da versprach die neue Regierung den ostdeutschen Arbeitern, daß sie in kurzer zeit bessere Lebensbedingungen hätten als die Arbeiter in Westdeutschland, weil dort die Arbeiter ausgebeutet werden, Mehrwert produzieren mußten, keine Eigentümer der Produktionsmittel seien, also eine vom Kapital ausgebeutete Klasse seien, während in Ostdeutschland die Arbeiterklasse dank des Sozialismus Besitzer der Produktionsmittel sei, den politischen Kurs selbst bestimme usw.

Im Laufe der Zeit bewahrheiteten sich diese Behauptungen jedoch nicht. Die westdeutschen Arbeiter erreichten einen wesentlich höheren Lebensstandard als die Arbeiter des sozialistischen Deutschlands. Obwohl sie ausgebeutete Lohnabhängige waren, besaßen sie Autos und Wohnungen, verbrachten ihren Urlaub in Spanien, Italien oder Frankreich, während die Arbeiter des Nachbarlandes aufgefordert wurden, stets neue Opfer zu bringen und neue Einschränkungen zu akzeptieren, obwohl angemerkt werden muß, daß es kein Elend und kein privates Bildungs- und Gesundheitswesen gab, durch den Sozialismus waren für alle die sozialen Grundrechte gesichert.

Aber damit waren sie nicht zufrieden, sie wollten mehr. Die sozialistische Regierung versprach, ihnen mehr zu geben, und der dort etablierte Sozialismus erreichte es nicht, ihnen das zu geben, was sie ersehnten und von dem sie wußten, daß die Arbeiter der europäischen kapitalistischen Länder es erreicht hatten. Was war unser Fehler?, fragte sich der Minister. Er selber antwortete: Wir versprachen den Arbeitern im Namen des Sozialismus eine bürgerliche Zukunft. Das war ein wesentlicher Widerspruch. Letztendlich war das Ideal des Sozialismus ein bürgerliches Ideal. Anders gesagt: Der Sozialismus wollte allen Zugang zu einem bürgerlichen leben bieten. Dies kann aber weder der Kapitalismus noch der Sozialismus allen Menschen bieten.

Andererseits gibt es die sozialen Probleme, die wir in Brasilien und in Lateinamerika so gut kennen, in keinem sozialistischen Land. Dort kennt man als gesellschaftliches Problem weder Drogen noch Prostitution, Slums oder Arbeitslosigkeit. Es gibt sie als Probleme in kleinen Bereichen oder kleinen Gruppen, bei der einen oder anderen Person, aber es sind keine gesellschaftlichen Probleme. In allen sozialistischen Ländern sind die sozialen Grundrechte für die Mehrheit der Menschen gesichert, die Nahrungsmittel sind preiswert, sie werden sogar vom Staat subventioniert, Bildungs- und Gesundheitswesen sind kostenlos, alle haben Arbeit und die Menschen führen ein würdiges Leben unter dem Gesichtspunkt der grundlegenden ökonomischen und materiellen Bedürfnisse.

Das Scheitern des Kapitalismus

Das Bruttosozialprodukt Brasiliens beträgt heute rund 350 Milliarden Dollar, in China rund 320 Milliarden Dollar. Der große Unterschied besteht darin, daß in China 1,1, Milliarden Menschen leben. Ich reiste durch acht chinesische Regionen und habe keine Slums und keine Bettler gesehen, die Chinesen führen ein würdiges Leben. Warum? Weil China sein Einkommen aufteilt und die materielle Infrastruktur vergesellschaftete. Man stelle sich vor, daß Brasilien mit einer 7.5 Mal geringeren Bevölkerung und einem um 30 Milliarden Dollar höheren Bruttosozialprodukt lediglich das Einkommen aufteilen würde. Wenn das so wäre, dann wären wir das Land des Überflusses. Denn China ist das einzige Land der Welt, in dem tatsächlich das Konzept der Masse angewendet wird. In Brasilien nicht, denn in der Cinelandia, auf der Avenida Rio Branco, in der Candelaria finden wir Bevölkerung an. Masse gibt es in China, wo überall der Besucher Millionen von Menschen antrifft, denn die 1,1, Milliarden Chinesen leben auf lediglich 16% der Fläche des Landes, denn in den anderen Landesteilen sind die Lebensbedingungen sehr schwer. In Brasilien haben wir solche Probleme nicht. Wir können viermal im Jahr ernten. Unser Land gehört zu den zehn reichsten Ländern an Bodenschätzen und ist eines der fünf Länder, die lediglich 6% des Bruttosozialproduktes für Importe aufwenden müssen. Wir kennen weder Wirbelstürme noch Seebeben, keine Vulkane und keinen Schnee und auch keine unbewohnten Wüstengebiete wie in China, und wir haben auch keine unbewohnbaren Gebirgsregionen wie dort. Mit anderen Worten: In unserem Land ist alles gut. Nur die Regierung taugt nichts, aber das ist unsere Schuld. Alles andere ist nicht verbesserbar. Wenn es gelänge, die Regierung zu ändern, dann wäre das Land in einer seht guten Situation. Schwierig ist es lediglich, unsere Ideen zu ändern, damit die Menschen die Regierung ändern, aber das ist eine andere Frage.

Nun, diese Frage der Ethik eines Systems muß bekanntgemacht werden, daß der Mehrheit der Bevölkerung die grundlegenden Lebensbedingungen ermöglicht. Warum? Weil heute die bürgerlichen Medien nur von dem Scheitern des Sozialismus sprechen, aber das Scheitern des Kapitalismus niemals erwähnen. Den Kapitalismus gibt es schon seit drei Jahrhunderten und schon dreihundert Jahre scheitert er. Ihr könnt an den Fingern zweier Hände die erfolgreichen kapitalistischen Länder abzählen. Es genügt zu schauen, wenn sie sich treffen. Nur sieben gehen dorthin, nicht einmal zehn sind es. Der Klub der Sieben.

Damit ein kapitalistisches Land erfolgreich ist, müssen zwanzig kapitalistische Länder scheitern, darunter auch Brasilien. Andererseits kommt der Reichtum dieser erfolgreichen Länder aus der Armut der Dritten Welt. Es ist eine falsche Vorstellung, daß die Engländer, die Spanier, die Nordamerikaner, die Japaner reich sind, weil sie viel arbeiten. Das ist nicht wahr. Sie sind reich, weil sie kräftig ausbeuten. Anders gesagt: Wir zahlen die Rechnung, wir sind Netto-Exporteure von Kapital. Wir exportieren Kapital für die reichen Länder.

Dreiunddreißig Jahre Widerstand

Kein sozialistisches Land sicherte die grundlegenden Bedürfnisse seiner Bevölkerung durch die Ausbeutung eines fremden Volkes. Ein anderer ethischer Wert des sozialistischen Projekts ist das Beispiel der Beziehungen der Sowjetunion und Kuba: Es ist eine kostspielige Beziehung für die Sowjetunion, denn sie hat aus Kuba nie etwas herausgeholt. I Gegenteil, mit Mühe hat sie Kuba umfangreiche Hilfe gewährt, damit dieses Land ohne Bodenschätze sein sozialistisches Modell erhalten konnte. Die Glühbirne im Haus eines Kubaners leuchtet mit Strom, der mit Erdöl erzeugt wurde, das von wo importiert wurde? Aus dem benachbarten Mexiko? Nein. Die nordamerikanische Blockade gestattet dies nicht. Es kommt aus der Sowjetunion. 13.000 Kilometer wird es transportiert, damit eine Glühlampe leuchtet oder ein Kühlschrank funktioniert.

Ein Land, das seit 33 Jahren mit einer US-Blockade lebt, erteilt Lateinamerika eine Lektion in Humanismus. Denn in der Tat liegen Lebensstandard und soziale Rechte tausend Lichtjahre vor denen in jedem lateinamerikanischen Land. Damit ihr eine Vorstellung davon habt: Das kubanische Bildungswesen leistet sich den Luxus, Sonderschulen für 85 unterschiedliche Behinderungen von Kindern zu unterhalten. So gibt es Schulen nur für stotternde Kinder, für blinde Kinder, für geistig behinderte Kinder. Es wird gesagt, daß es in Kuba kein Elend gibt, keine Drogenmafia, keine sozialen Unterschiede. Und wenn es nicht so wäre, dann hätte Globo (der nicht gerade kubafreundliche größte Medienkonzern Brasiliens, (HEG) darüber sicherlich schon berichtet.

Aber trotz all dieser Errungenschaften gibt es im menschlichen Wesen eine Art Durst, für den zumindest der osteuropäische Sozialismus keine Antwort hatte. Der kubanische Dichter Roberto Retamar meint, daß der Mensch zwei große Arten des Hungers kennt: Den Hunger nach Brot und den Hunger nach Schönheit. Der erste ist stillbar, der zweite ist unendlich. Was ist das für ein Zusammenhang zwischen Hunger und Schönheit?

Hier kommen wir zur Mystik. Im Grunde genommen wollen wir alle unserer eigenen Existenz einen radikalen Sinn geben. Radikal im ursprünglichen Sinne des Wortes, an die Wurzeln gehen, tiefschürfend. All unser Suchen ist eine Suche in diesem Sinne. Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, daß das kapitalistische System uns diesen Sinn vorenthält. Das kapitalistische System fördert die Verdinglichung der Menschen. Kompliziertes Wort, ich möchte es erläutern. Das kapitalistische System macht die Menschen zu Rädchen des Marktes, so wie es alles zur Ware macht, was einen höheren Wert als den den Menschen hat. Wir brauchen nur anzuschauen, was sie mit den landlosen Menschen macht: Der Verteidigung des Grundbesitzes, also einem materiellen Besitz, wird vom Kapitalismus eine größere Bedeutung zugemessen, als dem Recht jenes Menschen, der kein Land besitzt oder danach hungert, zum Überleben den Boden zu bearbeiten. Das nenne ich Verdinglichung.

Wir erleiden also im Kapitalismus einen Prozeß der geistigen Korrumpierung. Immer mehr privatisiert der Kapitalismus die materiellen Güter. Das heißt, obwohl der Kapitalismus so viel von Eigentum spricht, führt seine innere Logik dahin, daß es immer weniger Besitzer gibt. Wenn ich hier in diesen Raum fragen würde, wer Besitzer des Hauses ist, in dem er wohnt, so würden sicherlich nur wenige dies bejahen können. Das ist die Logik des Systems. Deshalb erhält sich dieses System durch die Vergesellschaftung der Träume.

Der osteuropäische Sozialismus beschritt den umgekehrten Weg: Er vergesellschaftete die materiellen Güter und privatisierte die Träume. Obwohl Du im Kapitalismus kein würdiges und anständiges Leben führen kannst, hast du durch das elektronische Fenster deines Fernsehers die Möglichkeit, jeden Abend an den Verwicklungen von "Meu Bem, meu Mal" (brasilianische Fernsehserie, HEG) teilzunehmen, auch wenn du in einem Elendsviertel lebst. Das sichert den Bestand des Systems: Die Träume vergesellschaften, um die Privatisierung der materiellen Güter zu sichern.

Der osteuropäische Sozialismus ging umgekehrt vor: Er vergesellschaftete die materiellen Güter, aber privatisierte die Träume in dem Maße, in dem lediglich derjenige über Alternativen oder Wege für die gesellschaftliche Zukunft sprechen konnte, der in der Partei war. Jedes andere Segment der Bevölkerung die es gewagt hatte, einen alternativen Weg vorzuschlagen, wäre nach den Worten jenes Ministers verdächtig gewesen. Der Minister sagte ferner: "Anstatt mit jenen Kräften einen Dialog zu führen, schickten wir als einzigen Diskussionspartner die Polizei."

Die Notwendigkeit zu träumen ist ein intrinsisches Bedürfnis von uns allen. Und es ist nicht nur die Notwendigkeit des Träumens, sondern es ist auch der Wunsch, uns weiterzuentwickeln, über uns hinauszuwachsen. Jedes menschliche Wesen ist ein Wesen, das nicht genügend Platz in sich hat. Deshalb ist die stärkste und tiefste Erfahrung des menschlichen Wesens eben jene, bei der er sich von sich selber in Richtung eines anderen losreißt. Das nennt die christliche Tradition die mystische Erfahrung.

Worin besteht die mystische Erfahrung? Sie besteht genau aus dem Finden des letztendlichen Grundes der Existenz oder in der Möglichkeit der Existenz einen Sinn zu geben. Es ist der Sinn, sich einem und mehreren anderen hinzuwenden in einer Dynamik, die vom Persönlichen zum Gesellschaftlichen hingeht und die als die Erfahrung Gottes bezeichnet werden kann. Sie kann auch beschrieben werden als ständige Erfahrung der Leidenschaft. Du, der du bereits einmal verliebt warst und eine Leidenschaft erfahren hast, weißt, daß die Anwesenheit des anderen in dir stärker ist als du selber. Der Unterschied besteht darin, daß in der Mystik der andere nicht außerhalb von dir ist, sondern in dir ist. Die Heilige Teresa von Avila, Meister Eckart, die Heilige Terezinha des Knaben Jesu waren Mystiker, die ihre Erfahrungen machten. Das heißt nicht, daß sie die einzigen Mystiker waren, im Gegenteil, ich bin der Meinung, daß es an der Peripherie nur so von Mystikern wimmelt, in den Fabriken gibt es viele Mystiker. Wenn du von etwas begeistert bist, dann ist die Zeit dein größter Feind, denn sie vergeht sehr schnell. Du würdest gerne sehen, daß die Uhrzeiger im Unendlichen stehen bleiben, nicht wahr? Wenn du etwas erschaffst, wenn du liebst, wenn du tanzt, wenn du glücklich bist, wenn du etwas feierst, wenn du sehr starke Emotionen oder Gefühle erlebst, dann möchtest du, daß die Zeit nicht vergeht. Die Zeit vergeht dann jedoch sehr schnell. Wenn du jedoch irgendwo anstehen mußt, dann erscheinen fünf Minuten wie fünf Stunden. Es scheint, als ob es die gleiche Zeit ist, aber es ist nicht die gleiche Zeit.

Was will ich damit sagen? Die große Herausforderung der Existenz besteht darin, den Hunger nach Brot und nach Schönheit zu stillen. Der Sozialismus, so wie ich ihn haben will, muß die Frage nach dem Sinn des Lebens lösen. Er darf den Menschen nicht einfach als einen Produzenten materieller Güter begreifen. Mit dem Ende des osteuropäischen Sozialismus fällt auch der Mythos des sozialistischen Arbeiters als Held der Produktivität. Jene Bilder des sowjetischen Realismus, an die ihr euch sicherlich erinnert, die in Zeitschriften und Filmen den muskulösen und großen Arbeiter mit schweren Geräten zeigt, sind vorbei. Warum? Weil der Sozialismus nicht zu den Herzen der Menschen gelangte, schlug er etwas vor, was nicht neu war und was im persönlichen Bereich viel Altes beinhaltete.

Wie dieses Problem lösen? Mit Gesetzen und Erlassen läßt sich dieses Problem nicht lösen. Mnn könnte sagen: mit Bewußtseinsbildung. Das Bewußtsein hilft, ist aber keine Lösung. Es gibt viele Linke, viele Gewerkschafter, viele Leute der PT (Partei der Arbeiter), die trotz allem Bewußtseins Opportunisten, Karrieristen, Nepotisten sind. Ich klage nicht an, denn erzählen kann man viel, das will ich ganz offen sagen, um keinen zu täuschen. Wir sind alle Männer und Frauen voller Widersprüche. Das hohe Niveau unseres Bewußtseins macht nicht auf wunderbare Weise neue Menschen aus uns. Wie werden wir neue Menschen? Durch das, was die Leute Mystik nennen. Ich kenne viele Leute, die wunderschöne Reden halten, zuhause aber ihre Frau schlagen. Oder jene Feministin, die sich für freie Sexualität engagiert, aber ihrem Dienstmädchen den Besuch des Freundes nicht gestattet. Wir alle tragen diese Widersprüche in uns, das Problem der Herausforderung des neuen Menschen.

Zwei Beispiele: Erstens meine Erfahrungen in der katholischen Kirche. Trotz aller Doppelmoral, die es in ihr gibt, arbeiten viele Laien, Nonnen und Pater, die mit den einfachen Menschen zu tun haben, sehr intensiv, auch Samstag und Sonntag, ohne motiviert zu sein durch eine bessere Karriere oder höhere Bezahlung. Das gilt nicht für alle, aber für viele und ist ein Hinweis. Dies gibt es nicht nur in der Kirche, sondern auch in den Gewerkschaften, in der Partei der Arbeiter, in den Volksbewegungen und in anderen Institutionen. Jeder von euch kennt solche Menschen, die viel tun auf der Grundlage einer inneren Motivation. Wenn es einen Beitrag des Christentums zum Marxismus gibt, dann diese Arbeit der menschlichen Subjektivität.

Ein weiteres Beispiel: Zwei Menschen, die ein Maximum an materiellem Wohlstand bzw. an symbolischem Wohlstand erreichten. Große politische Macht zu haben, ist ein symbolischer Wohlstand.

Der eine lebte im 13., der andere im 20. Jahrhundert. Beide Menschen haben alles hinter sich gelassen in Funktion der Mystik, einer großen Liebe für das Volk. Der erste, Franz von Assisi, war Sohn des Bernardone, ein Pionier des Kapitalismus. Er war sehr reich und da damals Frankreich wirtschaftlich die Hegemonialmacht war, nannte er seinen Sohn und Erben Franz, also der aus Frankreich kommt. Das war so, als ob ihr heute euren Sohn George Bush nennen würdet. Franz brach mit allem, um sich für die Armen einzusetzen, ohne die Ökologie zu vernachlässigen.

Der zweite Mensch, der ein Maximum an symbolischen Werten lebte, war Ernesto Che Guevara. Er studierte Medizin, widmete sich armen Kranken in Guatemala und danach in Mexiko, beteiligte sich an der kubanischen Revolution, kämpfte in der Sierra Maestra, war Comandante der Revolution, dann Minister. Er hatte bereits einen Platz in der Geschichte und ließ alles hinter sich, um für die Befreiungsbewegung in Afrika und danach in Lateinamerika zu kämpfen.

Es ist die Mystik, die Menschen wie Franz von Assisi, Teresa de Avila, Ernesto Che Guevara bewegten, ihrem Leben einen letztendlichen Sinn in der Kollektivität zu geben. Mit anderen Worten: Der letztendliche Horizont der Politik ist der Inhalt des Glaubens. Alles was der Glaube verkündet, kann konkret nur durch die Politik erreicht werden. Daher können wir unser sozialistisches Projekt, befreit von den Fehlern Osteuropas und von den Fehlern des Stalinismus, also unseren brasilianischen Sozialismus mit seiner Verteilung der Früchte des Bodens und unserer Arbeit, nicht trennen von jener ganz intimen Motivation, die uns zu Revolutionären machen wird, die nicht nur die sozialen Bedingungen des Lebens verändern, sondern auch die persönlichen und ganz intimen Bedingungen des Lebens. Das ist die Herausforderung.

Für uns Christen, oder für jene, die an etwas glauben, auch wenn es kein expliziter Glaube ist, so wie eine Philosophie wie der Buddhismus, ist der Weg gegeben durch diese persönliche Revolution. Es ist auch der Weg der Aktion und des Gebetes. Das Gebet ist ein revolutionärer Weg und ein Weg der Umstrukturierung unserer persönlichen Existenz. Leider kommt das Produkt "Gebet" in einer Verpackung, die viele Vorurteile hervorruft. Heute vom Gebet zu sprechen, klingt sehr eigenartig. Aber ich beharre auf diesem Weg: Das Gebet ist die persönliche Komponente des revolutionären Projektes auf gesellschaftlicher Ebene. Die Welt wird verändert indem Revolutionen gemacht werden, der Mensch wird verändert durch das Gebet.

Wie ist der Begriff "Gebet" zu verstehen? Beten heißt nicht, auf den Knien in einer Kirche oder Kapelle Texte herunterzuleiern. Im Zustand des Gebets zu leben heißt, offen zu sein für die Möglichkeit der Liebe, der Liebe, die in uns ist. Es heißt, das zu fühlen, was der Heilige Augustinus so ausdrückte: "Gott ist uns näher als wir uns selber." Dies wird uns etwas nicht vollständig, das wird nie der Fall sein mehr immunisieren gegen die verdinglichenden Einflüsse des kapitalistischen Systems. Es eröffnet uns die Möglichkeit der bewußtseinsmäßigen Transparenz der sozialen Beziehungen. Das führt uns zu einer größeren Urteilskraft über unsere politischen Optionen. Das gestattet uns die Erschaffung der neuen Männer und Frauen der Zukunft Lateinamerikas.

Ich sage und wiederhole es stets erneut: Die neuen Frauen und Männer der Zukunft Lateinamerikas müssen notwendigerweise Kinder aus der Ehe Ernesto Che Guevaras mit der heiligen Teresa von Avila sein.

So sei es.

Dieser Beitrag, Aufzeichnung einer Rede, wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors entnommen aus "AGRIcultura Alternativa Sul de Minas" (Minas Gerais, Brasilien) Angaben über das Veröffentlichungsdatum liegen nicht vor. In die deutsche Fassung wurden Ergänzungen aufgenommen aus der "Casa de las Américas", octubre-diciembre 1991, p. 118 veröffentlichten überarbeiteten spanischen Version. Übersetzung und nicht gekennzeichnete Kürzungen von Horst-Eckart Gross

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