Erstaunlich hat Kuba das verdient?

Die Journalistin Inna Vasilkova, vielen Mexikanern seit Jahren bekannt, informierte uns kürzlich über ein beispielloses Ereignis, das sich selbst der beste oder schlechteste Antikommunist der Welt sich nicht hätte ausdenken können. Es geht um den Empfang, den die russischen Behörden in Moskau dem Leiter der anti-castristischen Opposition in Miami, Jorge Más Canosa, bereitet haben.

Dieser war dort nicht aus eigener Initiative erschienen, wie man eigentlich denken müßte, um für Verständnis für seine Sache zu werben. Nein, er war persönlich eingeladen worden vom Parlamentspräsidenten Rugian Jasvulatov und vom Außenminister Andrei Kozyrev.

Trotz aller Veränderungen in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und in Rußland ist man doch verwundert angesichts dieser Wendungen. Wie kann eine so radikale Kehrtwendung in so kurzer Zeit erklärt werden? Warum können internationale Beziehungen in Fragen, die unveränderbar erschienen, so abrupt verändert werden?

Der Kommentar von Frau Vasilkova über die üppige Aufmerksamkeit die Más Canosa zuteil wurde, war überschwenglich: "Sie empfingen ihn nicht nur wie eine bedeutende Persönlichkeit, die gekommen war, um seine Neugierde zu befriedigen und mit eigenen Augen die Veränderungen in sechsten Teil der Erde zu sehen, sondern sie den allerliebsten Gast Brüderliche Umarmungen, herzliche und lange Gespräche im Kreml, Champagner, Freundlichkeiten ..."

Nach Meinung diese Journalistin bestimmen fünf grundlegende Momente den wahrscheinlich zu erwartenden neuen Kurs für die Beziehungen Moskau-Havanna. Führen wir sie ohne Kommentare einfach an:

a) Vollständiger Rückzug der sowjetischen Truppen vom kubanischen Territorium.

b) Umfassende Beendigung der sogenannten "kostenlosen Subventionen", nach ihren Berechnungen täglich mehrere Millionen Dollar.

c) Wandel der Direktiven der russischen Außenpolitik, die in Zukunft "den Kampf für die Menschenrechte in Kuba und die Einführung der Demokratie in diesem Land unterstützen wird."

d) Die russische Absicht, die Studenten zu unterstützen, die nach Beendigung ihres Studiums in Moskau nicht nach Kuba zurückkehren wollen.

e) Die Aufnahme direkter Beziehungen mit den in den USA lebenden Kubanern. Es wird sich nicht lediglich um Kontakte handeln, sondern um eine große Bandbreite von politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen. Damit dies alles nicht unverbindliche und diplomatische Absichtserklärungen bleibe, werden führende russische Persönlichkeiten bald den Besuch beantworten und sich mehrere Tage in Miami aufhalten. Das berichtet Frau Vasilkova.

Beim Versuch, diesen Wandel um 180 Grad zu erklären, äußert Andrei Kozyrev, daß wenn auch keine Subventionen mehr an Castro gezahlt würden, "die von ihm verschleuderten Millionen nicht ersetzt würden."

Und fuhr fort:

"Wir haben Beziehungen zu den vorhandenen Regierungen. Aber wir müssen auf alles vorbereitet sein und auf dem Stand der Dinge sein, um im Fall des Zusammenbruchs des einen oder anderen Regines nicht in eine Situation zu geraten, wie sie das sowjetische Außenministerium durchmachte, als die kommunistischen Regime in Osteuropa zusammenbrachen."

Wir wundern uns nicht über viele Dinge, die sich heute in der internationalen Politik ereignen. Wir wissen, daß alles relativ ist und daß kein gesellschaftliches Werk davor geschützt ist, zum Gegenteil zu werden oder zusammenzubrechen. In den Zeiten so schneller und rasanter Wandlungen ist es nicht verwunderlich, daß auch die letzten Reste von dem zusammenbrechen, was einst proletarischer Internationalismus genannt wurde. Aber es gibt solche und solche Vorgehensweisen.

Frau Vasilkova schrieb es auf und beschrieb es so: "Erkennen wir es an, daß die Tatsache etwas unangenehm und beschämend ist, daß wir unsere früheren Feinde auf einen Sockel erheben und unsere ehemaligen Freunde beiseite schieben ..."

Sehr richtig. Bewußtsein ist ein schmerzlicher Zustand, ohne den nicht regiert werden kann. Die Erinnerung, auch wenn sie brennt, wird immer dem Verlust der Erinnerung vorzuziehen sein. Wer glaubt jener neuen und weit entfernten Predigt für die Menschenrechte in Kuba? Warum und weshalb sollen die jungen Kubaner, die heute in Moskau studieren, als Flüchtlinge behandelt werden? Wird tatsächlich daran gedacht, diplomatische Beziehungen mit dem kubanischen Exil in Miami aufzunehmen? Wenn es so wäre, dann würde Erstaunen eine schlechte Angewohnheit werden.

Die freudige Antwort der Exilkubaner wurde am Ende seines Besuchs in Moskau von Jorge Más Canosa lautstark verkündet: "Kubas Freiheit werden wir nicht den USA sondern Rußland verdanken!"

Warten wir dennoch ab, daß die GUS erst einmal ihr eigenes Schicksal meistert. Es muß viel im Inneren geheilt werden, um an Kehrtwendungen solcher Dimension zu denken. Es sei nur erinnert an zwei Zahlen, die Gennadi Osipov, Direktor des Instituts für Sozialpolitische Studien, genannt hat: 30% der russischen Bevölkerung möchte irgendwohin auswandern, so wie im 17. Jahrhundert während der Tartaren-Mongolen-Herrschaft. Ferner unternehmen jedes Jahr eine Million Russen einen Selbstmordversuch, 60.000 von ihnen mit Erfolg.

Dies ist ein Teil des sozialen Dramas eines würdigen und fleißigen Volkes, das eine bessere Zukunft verdient, die es sich sicherlich schaffen wird, auch wenn heute ein gewisser Pragmatismus nichts vom Gestern und nichts vom Morgen wissen möchte.

CUBA LIBRE
Javier Lopez Moreno

CUBA LIBRE 3-1992